01 - Ich sehe was, das du nicht siehst

Shownotes

In dieser allerersten Folge von "Hire & Higher" ist Sandra Klare zu Gast. Sie spricht über die überraschenden Wendungen, die unser Berufsleben nehmen kann, wenn jemand plötzlich unser verborgenes Potenzial erkennt. Gemeinsam tauchen wir in Sandras außergewöhnlichen Weg vom Tätowierstudio bis zur Head of Recruiting ein und diskutieren, wie entscheidend Schlüsselmomente und ehrliches Feedback für die persönliche Entwicklung sind. Außerdem erfahrt ihr, weshalb Quereinsteiger und ungewöhnliche Biografien oft die spannendsten Perspektiven ins Team bringen. Lasst euch inspirieren, Karrieren neu zu denken – und euch selbst und eure Arbeitsweise vielleicht auch ein Stück weit neu zu entdecken.

Links Jobware: https://www.jobware.de Johanniter Fördererservice (Website): https://www.johanniter.de/juh/lv-nrw/ Jobware auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/company/jobware-gmbh/posts/?feedView=all Sandra Klare auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/sandra-klare-37a7541b7/ Anna Steinhagen auf LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/anna-steinhagen-342547197/

Mitmachen Melde dich bei uns, wenn du im Recruiting oder HR arbeitest und Dinge anders machst als „man das so macht“, wenn du eine ungewöhnliche Karrieregeschichte mitbringst (Quereinstieg, Umweg, Neustart), wenn du Skills stärker in den Fokus rückst als Abschlüsse, neue Wege bei Active Sourcing, Employer Branding oder Auswahlprozessen ausprobierst oder eine klare Haltung zu Führung, Kultur und Talententwicklung hast, die inspiriert (oder auch mal aneckt). Schreib uns auf LinkedIn – wir freuen uns auf deine Story, deine Fragen und Themenvorschläge für kommende Folgen.

Credits Host: Anna Steinhagen (Jobware) Gast: Sandra Klare (Johanniter NRW) Produktion: Jobware GmbH

Transkript anzeigen

00:00:00: Ich werde lieber aufgrund dessen, was und wer ich bin, abgelehnt als für etwas akzeptiert, was ich nicht bin.

00:00:17: Herzlich willkommen zur allerersten Folge "Hire & Higher".

00:00:21: Wir feiern Premiere und ich freue mich riesig, dass ihr direkt von der ersten Minute an dabei seid.

00:00:26: Mein Name ist Anna Steinhagen, ich darf diesen Podcast im Namen von Jobware hosten und ich freue mich, mit euch all die Facetten des Personalmarketings zu beleuchten.

00:00:34: Ja, und ich stelle die offensichtlichste Frage direkt mal selbst am Anfang.

00:00:38: Warum noch ein HR-Podcast?

00:00:40: Ganz einfach, weil Recruiting viel mehr ist als Stellenaufschreibungen und Auswahlprozesse.

00:00:46: Es ist das Spiegel einer viel größeren Frage:

00:00:49: Wie finden Menschen und Unternehmen zusammen so, dass es wirklich passt?

00:00:53: Und wenn es dann passt, geht es ja nicht nur um irgendeinen Job.

00:00:55: Es geht um Identität, um Alltag, um unser Lebens- und Arbeitsstil.

00:00:59: Und genau darüber wollen wir in "Hire & Higher" sprechen.

00:01:03: Über Prozesse, Kommunikation, Authentizität.

00:01:06: Arbeitsalltag, Wendepunkte, über Talente, die erst sichtbar gemacht werden müssen und über die Entscheidungen, die unser Leben prägen.

00:01:13: Und damit sind wir mitten drin in unserer ersten Folge.

00:01:17: Ich sehe was, dass du nicht siehst - wenn das eigene Talent plötzlich sichtbar wird.

00:01:22: Und darum geht's genau.

00:01:24: Um Momente, in denen jemand etwas in uns sieht, das wir selbst noch gar nicht erkannt haben und wie solche Augenblicke, Karrieren und Lebenswege verändern können.

00:01:32: Darüber spreche ich heute mit Sandra Klare.

00:01:35: Ihr Weg führte vom Tätowierstudio zur Head of Recruiting des Johanniter Fördererservices, einer Tochter der Johanniter.

00:01:44: Und Sandra zeigt, dass Talent oft nicht angeboren ist, sondern entdeckt, gefördert und manchmal auch ein Stück weit erkämpft werden muss.

00:01:52: Sie bringt alles das mit, was wir uns für diesen Podcast wünschen.

00:01:55: Ehrlichkeit, Authentizität und Humor

00:01:57: und

00:01:58: die Fähigkeit, sich irgendwann auch selbst zu sehen.

00:02:01: Jetzt habt ihr schon einiges über Sandra erfahren, geben wir ihr doch mal eine Stimme.

00:02:05: Schön, dass du da bist und herzlich willkommen zur aller-, aller-, allerersten Folge von "Hire & Hire".

00:02:12: Ja, hallo Anna, ich freue mich, dass ich hier sein darf.

00:02:15: Jetzt

00:02:15: möchte ich direkt mit meiner ersten wichtigen Frage einsteigen.

00:02:20: Was wolltest du denn mal werden, wenn du groß bist?

00:02:22: Ich wollte gerne Ballerina werden oder Bundeskanzlerin.

00:02:26: Nee, das eine ist ähnlich dem anderen.

00:02:29: Legend, oder?

00:02:30: Ja.

00:02:31: Die große Gemeinsamkeit ist auch, dass beides davon nicht in meinem Lebenslauf auftaucht.

00:02:36: Aber wenn du jetzt mal genau hinschaust, wie viel ist denn von diesen zwei Wünschen, die ja doch wirklich sehr konträr zueinander sind, in deinem heutigen Arbeitsalltag noch

00:02:45: übrig?

00:02:45: Ich glaube, es gibt Leute, die sagen würden, so einiges, was das Bundeskanzlerding betrifft, was ich natürlich weit von mir weise.

00:02:55: Aber ja, ich glaube, dass das, was bis heute geblieben ist, ist, glaube ich, die Ambivalenz, die ich in vielen Sachen habe und ja, dass ich eben so gegensätzlich zu vielen Dingen stehe.

00:03:08: Und das ist es ja auch.

00:03:10: Vielleicht, wenn man es jetzt analysieren würde, würde man unheimlich viele Gemeinsamkeiten zwischen Tanzen und Regieren herausfinden.

00:03:17: Aber ja, ich denke, das hat sich dann doch ein bisschen durchgezogen bis heute.

00:03:22: Um dich und deine heutigen Arbeitsweise zu verstehen, müssen wir ein bisschen weiter ausholen, denn viele Wege führen ins Recruiting.

00:03:29: Für welchen Weg hast du dich entschieden und wurde der vielleicht sogar für dich gewählt?

00:03:34: Für welchen, ja, ist das überhaupt ein Weg?

00:03:37: Also ja, was hat mich dahin geführt?

00:03:39: Natürlich nicht die gerade Linie.

00:03:42: Ich glaube, die braucht man im Recruiting eigentlich auch gar nicht.

00:03:45: Ist das vielleicht gar nicht so verkehrt auch, irgendwie so ne Art Queransteiger, Queransteigerin zu sein?

00:03:50: Witzigerweise,

00:03:51: wenn ich mir angucke, was die Stellenausschreibungen sagen, ich recherchiere natürlich auch immer sehr viel, was so der Wettbewerb sucht, in meinem Bereich auch sucht.

00:04:00: Da wird nach wie vor, ich würde schon sagen, mehrheitlich nach dem BWL-Studium mit Schwerpunkt Personal geschaut oder das abgeschlossene Psychologie-Studium.

00:04:10: Das ist, ja, höchst oder höchst ist vielleicht noch die Ausbildung zu Personalkauffrau/-Kaufmann.

00:04:17: Also auf dem Papier sucht man anscheinend schon noch die gerade Linie.

00:04:21: Die Realität ist eine andere, das wissen wir alle, aber witzigerweise ist das schon noch so, finde ich.

00:04:27: Das ist ja sowieso so eine Learning: Theorie ist immer eine schöne Idee.

00:04:32: Das Leben da draußen ist ja doch dann ganz anders.

00:04:34: Total.

00:04:35: Also ich merke es ja auch selber, wenn ich stellen, ausschreibe.

00:04:38: Ich versuche mich schon

00:04:40: da anders zu positionieren und gar nicht diese Labor-Situation auf Basis meiner Stellenanzeigen zu konstruieren, die ich dann sowieso nicht erfüllen kann und werde.

00:04:48: Aber halt natürlich auch nicht: Kommt ihr mal alle.

00:04:51: Es ist uns im Grunde egal,

00:04:52: ich guck mich jeden erst mal an.

00:04:54: Aber ich versuche es schon sehr aufzubrechen, wenn ich Stellen texte.

00:04:58: Das ist aber auch schon ein Stück weit ein schmaler Grad, ne?

00:05:01: Die Tür zu öffnen, aber...

00:05:03: Ja.

00:05:03: Ja, ja, das ist ein sehr

00:05:04: schmaler Grat.

00:05:05: Nur bis zu einem gewissen Maß.

00:05:06: Denn ansonsten wird man ja auch der bewerbenden Flut einfach nicht mehr Herr oder Frau.

00:05:13: Hattest du von Anfang an ein Gefühl, du bist beruflich gesehen auf einem guten Weg?

00:05:20: Oder fangen wir anders an?

00:05:21: Hast du dir damals überhaupt Gedanken gemacht, sagen wir mal, wir schauen uns jetzt die Sandra an, die 16 Jahre alt ist:

00:05:28: Hast du dir überhaupt Gedanken gemacht, wo du mal hin möchtest?

00:05:31: Nein.

00:05:32: Also ich würde mal sagen, ich war zwei Drittel meines Lebens völlig lost und ich bin mir manchmal immer noch nicht so sicher, ob ich weiß, was ich ja eigentlich tue.

00:05:40: Diese Tage gibt es nach wie vor, aber mit 16 nicht mal ansatzweise.

00:05:45: Nein, gar keine Ahnung.

00:05:47: Mit 16 habe ich in meinem kleinen Tausend Seelen-Dörfchen gesessen,

00:05:52: schwerst pubertär und hatte überhaupt keine Ahnung, wie so ein Leben jenseits der 30 aussehen könnte.

00:05:58: Also auch noch nicht mal dieses klassische Bild, was ja viele Jugendliche hatten: so, ach und dann bin ich bestimmt verheiratet und habe ich bestimmt Kinder.

00:06:05: Also nicht einmal das.

00:06:07: Es gab überhaupt keine, zumindest ähnlich mich heute nicht mehr daran, gar keine Idee von einem potentiellen Morgen.

00:06:14: Und dann musst du dich entscheiden, was mache ich nach der Schule.

00:06:16: Was war deine Entscheidung?

00:06:17: Meine Entscheidung war Zeit schinden.

00:06:19: Das war sehr oft Zeit schinden.

00:06:21: Also erst mal nach dem, ich habe den Realschulabschluss gemacht, einen sehr schlecht auch, und habe dann erst mal keine Ausbildung gemacht, sondern Fachabitur versucht und Berufsfachschule versucht.

00:06:32: Ich sage versucht, weil ich beim ersten habe ich ein Abgangszeugnis nur bekommen und beim zweiten, meinem Fachabitur, habe ich drei Jahre für gebraucht, um ein Fachabitur in einem Bereich Gestaltung zu machen, was ich nie...

00:06:44: ... also was ich nie weiterverfolgt, ich bin erst dann in die Ausbildung gegangen.

00:06:47: Ich glaube, das war dann auch schon ... 2000 ... nein, oh Gott, 2007? 2004 bin ich in die Berufsausbildung gegangen.

00:06:55: Und das war ja dann schon vier Jahre nach meinem Realschwerbsschluss.

00:06:58: Und hast welche Ausbildung gemacht?

00:06:59: Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste im Stadtarchiv Paderborn.

00:07:04: Auch in diesem Beruf hab ich nach der Ausbildung keinen einzigen Tag gearbeitet.

00:07:07: Sondern?

00:07:08: Bin der Liebe wegen nach Dortmund gezogen und war dann arbeitslos erst mal und wusste gar nicht so richtig, was ich machen sollte.

00:07:14: Das mit der Liebe hatte sich kurze Zeit später erledigt.

00:07:17: In Dortmund bin ich geblieben, da bin ich bis heute.

00:07:19: Aber ich wusste nicht, was ich machen sollte, was ich werden sollte.

00:07:22: Ich war ja der Meinung, ich kann nichts und ich weiß auch nichts.

00:07:25: Und ja, dann war meine Idee eigentlich relativ schnell,

00:07:30: ich möchte irgendwie doch was Kreatives machen, aber ... Nicht in so einer Agentur oder sowas.

00:07:35: Ich zeichne gerne, ich male gerne, ich möchte tätowieren lernen.

00:07:38: Aber ich hatte das große Problem, dass ich nicht wusste, wie ich da hinkommen sollte.

00:07:43: Wir waren zu dem Zeitpunkt Anfang der Nullerjahre.

00:07:47: Also wer diese Branche ein bisschen kennt, weiß, das war einfach zu dem Zeitpunkt noch ein bisschen anders.

00:07:52: Heute ist ja das Tätowieren eine Kunstform.

00:07:55: Das ist deutlich weg vom Handwerk gegangen und es gibt eben viele Künstlerinnen auch.

00:08:00: Und nicht nur den bärtigen Rocker, der dich mit der gebrauchten Nadel irgendwie einmal komplett schwarz einfärbt.

00:08:07: Und lange Rede, kurzer Sinn, mit meiner wunderschönen Mädchen-Mappe habe ich keinen Fuß an den Boden bekommen.

00:08:13: Und ich habe Dinge gehört wie, die Mappe ist super, aber Frauen nehmen wir hier nicht, die bringen nur Unruhe in den Laden.

00:08:19: Und dann dachte ich mir so, na ja, gut, ich muss es mir also irgendwie selber beibringen.

00:08:23: Ich finde keine Ausbildungsstudio.

00:08:26: Was fehlt mir dafür?

00:08:27: Ja, die Absicherung meiner Grundversorgung.

00:08:30: Ich war ja nicht kranlenversichert zu dem Zeitpunkt, schon eine ganze Weile nicht mehr. Und hatte de facto kein Einkommen, weil ich mich auch konsequent geweigert habe, staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

00:08:40: Ich war zwar arbeitslos gemeldet oder arbeitssuchend gemeldet, aber ich habe keine Bezüge bekommen.

00:08:46: Und dann ist mir die glorreiche Idee gekommen.

00:08:48: Ich könnte ja mich an einem Weiterbildungskolleg anmelden, wo man sein Vollabitur nachholen kann.

00:08:54: Und da bekommt man elternunabhängiges Schüler-BAföG, was man nicht zurückzahlen muss.

00:08:59: Und das waren, glaube ich, also um die 790 Euro im Monat.

00:09:03: Und in meiner Welt hätte mir das die Zeit verschafft, im Nachmittagsbereich diese Tätowierkarriere voranzutreiben.

00:09:10: Und ich habe mir das halt dann so ausgemalt: Bis die merken, dass ich gar keinen Schulabschluss machen möchte und nur das Geld haben will,

00:09:18: hab ich mir längst eine erfolgreiche Künstler-Karriere aufgebaut.

00:09:21: Ich war ja auch mal jung.

00:09:22: Viele junge Menschen haben nach der Schule ja erst mal keine klare Richtung.

00:09:26: Ich hab mal nachgeschaut, 2024 waren es rund 260.000, die in Übergangsprogammen gelandet sind - im Prinzip so wie du, um sich zu orientieren oder ihren Abschluss nachzuholen. Wie sehr hast du dich damals als Suchende empfunden?

00:09:41: Hast du es damals auch so wahrgenommen, dass du gar nicht weißt,

00:09:44: wo die Reise für dich hingehen soll?

00:09:46: Ja, ich hab das schon bewusst so wahrgenommen.

00:09:48: Wenn man so sagt, in den Tag hinein gelebt, das klingt das ja so sorglos.

00:09:52: Wir konnotieren das ja heute irgendwie mit so einer Idee von Freiheit und Sorglosigkeit.

00:09:57: Es war natürlich eine immense Drucksituation.

00:10:00: Ich bin sehr, sehr früh von zu Hause ausgezogen und habe diese ganzen Träume nicht aus meinem sicheren Kinderzimmer heraus geträumt, sondern hatte sehr große existenzielle Probleme.

00:10:11: Und ich musste gucken, wie ich meine Miete bezahle.

00:10:13: Es gab für mich keinen doppelten Boden.

00:10:15: Deswegen war die Drucksituation gigantisch.

00:10:18: Und ich habe sehr doll gesucht, aber ich muss auch sagen, ich bin nie an einen Punkt der Verzweiflung gekommen, der mich dazu gebracht hat, etwas zu tun, was ich gar nicht möchte.

00:10:29: Auf die Idee wäre ich nicht gekommen, irgendeinen Job anzunehmen, den ich nicht möchte, nur damit ich irgendetwas mache.

00:10:35: Lass uns mal

00:10:36: auf deine Abiturzeit blicken.

00:10:38: 68 % der Deutschen geben an, dass es einen bestimmten Menschen in Karriere gegeben hat, der maßgeblich beeinflusst hat, oft vielleicht durch einen Satz oder einen Blick von außen, wo die Reise hingehen sollte.

00:10:50: Im weiteren Verlauf.

00:10:52: Nennen wir es den klassischen Schlüsselmoment.

00:10:55: Du hast auch so ein, erzähl mal davon.

00:10:57: Ja, ich hatte auch so einen Moment.

00:10:59: Oft sind das ja Personen aus dem nahen Umfeld, also vielleicht Eltern, die einen fördern.

00:11:05: Ich komme nicht aus einem solchen Umfeld.

00:11:08: Das heißt, ich hatte dieses Feedback von außen eigentlich sehr, sehr lange nicht und entsprechend hat sich meine eigene Identität, meine Selbstvernehmung darum auch gebildet

00:11:17: letztlich.

00:11:19: Und ich hatte ja gerade schon gesagt, dass ich an dieses Westfalenkolleg in Dortmund gegangen bin. Nicht, um mein Abitur wirklich nachzuholen,

00:11:27: sondern eben um diese BAföG-Absicherungn zu erhalten.

00:11:31: Ich habe nicht mit einer Sekunde für möglich gehalten, dass ich in der Lage bin, ein Abitur zu schaffen.

00:11:38: Das war so unrealistisch in meiner Wahrnehmung.

00:11:42: Das stand gar nicht zur Debatte.

00:11:44: Naja, auf jeden Fall bin ich dann dorthin und ich erinnere mich noch sehr, sehr gut.

00:11:49: Erste Runde Deutsch-Leistungskurs-Klausur.

00:11:52: Und wir haben über Iphigenia auf Tauris, meine ich, geschrieben.

00:11:57: Eine Dramanalyse, das war die erste Klausur.

00:11:59: Ich habe das Buch gelesen, mich aber ansonsten nicht wirklich darauf vorbereitet auf diese Klausur, weil warum?

00:12:05: Ich wollte ja nur irgendwie bestehen.

00:12:07: Und ich habe die beste Klausur der Stufe geschrieben, versehentlich.

00:12:12: Ich konnte das selber gar nicht fassen und ich habe das für irgendwie noch für ein Fehler gehalten.

00:12:18: Aber es führte dazu, dass mich meine Deutschlehrerin Frau Dalonsow zur Seite genommen hat und mit mir über diese Klausur gesprochen hat.

00:12:26: Dieses Gespräch hat eigentlich, auch wenn das sehr pathetisch ging, mein Leben nachhaltig verändert, weil diese Frau, diese Lehrerin, die erste Person in meinem Leben war, die mir gesagt hat, du kannst was, du bist was, ich sehe dich und ich erwarte von dir, dass du das nicht wegwirfst.

00:12:46: Und das hat dazu gefühlt, dass ich das wirklich als Chance wahrgenommen habe und darüber nachgedacht habe, naja, vielleicht bin ich ja gar nicht komisch, sondern schlau und das habe ich ja lange nicht geglaubt oder nicht für möglich gehalten.

00:13:02: Und dann habe ich mich sehr angestrengt.

00:13:05: Wie alt warst du damals?

00:13:06: Ich war damals 27.

00:13:09: Vermeintlich würde man jetzt sagen, ein späterschlüsselmoment.

00:13:13: Ein sehr später

00:13:13: Schlüsselmoment.

00:13:14: Also mir fehlen heute 10 Jahre, 10 bis 15 Jahre einer Karriere, die jemand hätte, der eine Normbiografie durchlaufen hat.

00:13:25: Kannst du dich noch an das Gefühl erinnern, das dieses Gespräch in dir ausgelöst hat?

00:13:29: Ja, ich war stolz.

00:13:31: Ich war so stolz da drauf, auf mich selber zum ersten Mal.

00:13:34: Ich weiß gar nicht, ob diese Lehrerin das weiß.

00:13:37: Wahrscheinlich nicht.

00:13:38: Ich hab das schon sehr lange nicht mehr gesprochen.

00:13:39: Wir haben mal nach der Schule gesprochen.

00:13:42: Aber ich weiß nicht, ob ihr das so bewusst ist.

00:13:45: Das hat wirklich mein Leben verändert.

00:13:48: Das ist ein total schönes Gefühl, wenn man das erste Mal richtig stolz auf sich selbst ist,

00:13:53: ne?

00:13:53: Ich hab hier einfach eine Fähigkeit entdeckt in dem Moment oder mir zeigen lassen, von der ich nicht wusste, dass ich sie habe.

00:14:01: Also nicht, dass ich irgendwie dachte, ich bin dumm oder ein Idiot oder so, das auch nicht.

00:14:06: Aber ich war zufrieden mit dem, was ich dachte, was ich habe.

00:14:10: Ich habe einfach nie gelernt, nach Höherem zu streben, so.

00:14:13: Und du warst zufrieden damit, nicht besonders zu

00:14:15: sein?

00:14:15: Absolut.

00:14:16: Ich hatte so mein Mal- und Zeichentalent, das war so auch völlig fein für mich.

00:14:20: Also ich komme ja eben auch, ich bin ja ein klassisches Arbeiterkind auch.

00:14:24: Das heißt, es gab auch in meiner Familie jetzt nicht diese Art von Vorbild, jemand, der studiert hat, jemand, der eine Karriere gemacht hat.

00:14:30: Und wenn das nicht vorkommt, so in deinem Universum, dann steht es auch einfach überhaupt nicht auf deiner Bingo-Karte.

00:14:38: Jetzt hast du doch Bingo gerufen.

00:14:39: Jetzt habe ich ja Bingo gerufen, ja, das ist richtig.

00:14:43: Und du hast studiert.

00:14:44: Das ist richtig, ja.

00:14:47: Zwar was ganz anderes, als ich jetzt tatsächlich mache.

00:14:50: Auch das ist natürlich so der Punkt.

00:14:52: Mich hat das ja, diese Begegnung auf der Schule so geprägt, dass auch ich ja dann Lehramt anstudiert habe.

00:15:00: Heute würde ich wirklich sagen, mein Gott, das war wieder einfach so der Weg des geringsten Widerstandes.

00:15:05: Aber da, ich weiß ja auch, ich habe ja zu dem Zeitpunkt auch erst einfach das alles so neu für mich entdeckt.

00:15:12: Und natürlich geht man nicht gleich von null auf hundert von, also wenn ich jetzt dieses Höhlengleichnis von Platon nehme.

00:15:19: So, ich habe schon irgendwie gesehen, dass da irgendwie was anderes ist, aber so ganz aus der Höhle raus war ich natürlich noch nicht.

00:15:25: Für mich bist du irgendwie so ein klassische Eierlegende Wollmichsaum.

00:15:29: Lass uns mal schauen, was dir die einzelnen Jobs aus heutiger Sicht gebracht haben, außer jetzt vielleicht das eine oder andere Tattoo.

00:15:35: Ich glaube, vieles habe ich aus der Kombination der Jobs mitgenommen.

00:15:39: Ich musste ja dadurch, dass das alles so parallel lief, sehr schnell, sehr gut mein Zeitmanagement auf die Kette kriegen.

00:15:46: Und das kann ich bis heute sehr gut, also so hustlen, das kann ich.

00:15:51: Und es braucht schon einiges, um mich aus einer Deadline zu kicken.

00:15:55: Das muss ich wirklich sagen.

00:15:56: Ich bin sehr, sehr gut organisiert.

00:15:58: Ich bin gut da drin, das alles irgendwie aus mir selber herauszuholen und mich selber zu motivieren und zu disziplinieren und zu organisieren, weil ich das einfach gar nicht anders kenne.

00:16:07: Welche Rolle spielt es denn in deinen heutigen Arbeit Menschen etwas zuzutrauen, dass sie selbst noch gar nicht sehen?

00:16:12: Es spielt... Eine relativ große Rolle, das ist ja das Thema im Recruiting eigentlich auch, das Talente finden.

00:16:21: Und ich tue mich aber total schwer witzigerweise diesem Begriff Talent, weil ich ja der Meinung bin, dass ich keins habe, immer noch.

00:16:29: Ne gut, also wir können die ersten 20 Minuten des Podcasts streichen.

00:16:34: Ich muss das vielleicht einordnen.

00:16:36: Talent, ich glaube, wir haben einfach ein Definitionsthema.

00:16:39: Für mich ist Talent ja so eine Gabe, wie so das absolute Gehör, mit dem wird man so geboren.

00:16:47: Und ich bin aber nicht mit dem, was ich kann, mit meinem Werkzeugkoffer geboren worden.

00:16:52: Ich habe mir den füllen müssen.

00:16:54: Und ich habe diese Dinge ja erlernt.

00:16:56: Und in der Psychologie sprechen wir von politischen Fertigkeiten in diesem Zusammenhang.

00:17:02: Und da geht es halt um solche Fertigkeiten wie Scharfsinn, Anpassungsfähigkeit usw.

00:17:07: Also so ein kleiner Werkzeugkoffer, der dich, das ist ein Begriff speziell aus der Arbeits- und Organisationspsychologie, der dich halt in solchen Kontexten weiterbringt, der nützlich ist.

00:17:18: Und das ist nichts, was man irgendwie von Geburt an mitbekommt, sondern es erwirbt man, das lernt man.

00:17:25: Und ganz oft lernt man das durch eher unkonventionelle und schwierige Wege, nicht weil man es sehr leicht hatte.

00:17:30: Und ich hatte es eben ganz oft nicht so besonders leicht und habe das deswegen gelernt und habe jetzt einen richtig guten Werkzeugkoffer, mit dem ich auf so ziemlich jeder Baustelle anrücken kann, würde ich mal sagen.

00:17:42: Und du kannst wahrscheinlich auch deine Sichtweise auf Bewerbende dadurch verändern.

00:17:46: Genau.

00:17:47: Das heißt, ich schaue auch immer, was kann jemand im Rahmen seiner Möglichkeiten und was kann er noch lernen?

00:17:54: Und das ist, glaube ich, das Wichtige, wenn ich jetzt jemanden sehe, der vielleicht, ich erkenne das ja im Lebenslauf schon, was der so ungefähr für einen Weg hatte und dann kann ich ja beurteilen, was kann diese Person im Kontext dessen erworben haben und was eben nicht.

00:18:09: Und das, was sie nicht erworben hat, das ist aber keine Makel, sondern das liegt in der Biografie begründet.

00:18:14: Das heißt ja nicht, dass ich nicht Teil eines neuen Kapitels dieser Biografie sein kann, wo weitere Werkzeuge in diesem Koffer hinzukommen.

00:18:22: Also, ich versuche das immer so zu sehen.

00:18:24: Das ist natürlich ein schmalerer Grat, weil man sie nicht alle retten kann und das sind auch keine Auszubildenden, denen man noch die ganze Welt erklären muss.

00:18:30: Aber ich versuche schon jeden im Rahmen seiner Biografie, sofern er sie mir sichtbar macht, im Lebenslauf eben zu bewerten, obwohl bewerten ist ein blödes Wort in dem Kontext, zu sehen, wahrzunehmen.

00:18:42: Wenn du Bewerbene siehst,

00:18:45: und ich glaube, in deinem Bereich beschäftigt es dich auch viel mit Quereinstieg.

00:18:49: Das ist ja heutzutage auch absolut kein Ausnahmefall mehr.

00:18:52: Fast ein Viertel aller Beschäftigten in Deutschland hat schon mal die Branche gewechselt.

00:18:57: Welche Stärken bringen Quereinsteiger:innen deiner Meinung nach denn mit, die man auf dem ersten Blick vielleicht übersieht?

00:19:05: Ja, ich befasse mich sogar fast ausschließlich mit Quereinsteigern, würde ich sagen.

00:19:09: Und das ist auch meine liebste Zielgruppe, weil sie so, sie sind so interessant.

00:19:16: Und sie können über so viele verschiedene Dinge sprechen und nicht nur über diese eine Fachbubble, aus der sie eben kommen und in der sie schon immer gesessen haben. Nichts dagegen.

00:19:27: Es braucht auch eben diese krass stringente Expertise, gar keine Frage.

00:19:31: Aber ich finde das einfach super spannend, auch für mich.

00:19:35: Also ich lerne auch von Quereinsteigern

00:19:37: unfassbar viel, wie sie Situationen meistern, auch aus dem Warum eines Wechsels.

00:19:43: Und ja, ich denke, dass diese Leute, diese Kandidaten, Kandidatinnen viel mitbringen, eben aus Bereichen wie, ich weiß nicht, Kindererziehung auch, finde ich auch immer sehr wichtig, dass jetzt kein Quereinstieg,

00:19:54: da reden wir über die Wiedereinstieger:innen in dem Fall.

00:19:58: Und die bringen da eben sehr viel draus mit.

00:20:00: Oder eben auch Branchenwissen, was total nützlich für meinen Bereich sein kann.

00:20:05: Ich sag mal so, ich suche jetzt zum Beispiel im Vertrieb und es bewirbt sich jetzt jemand, eine Friseurin.

00:20:11: Dann weiß ich, natürlich wird die bei mir nicht Haare schneiden.

00:20:14: Aber ihr täglich Brot ist es mit Menschen zu kommunizieren.

00:20:17: Die hat mehr Gespräche geführt als viele, viele andere in ihren Vorberufen.

00:20:22: Und das kann ich für meinen Vertrieb wieder total gut gebrauchen.

00:20:26: So, daher ist die doch für mich in dem Fall genauso wertvoll, vielleicht sogar wertvoller als ein Vertriebler, der das zwar auch kann, aber vielleicht einer Produktidee anhängt und voll das Problem hat, aus seinem bekannten Vertriebsweg auszubrechen und in einen anderen einzusteigen.

00:20:43: Das ist eben... nicht immer die Fachqualifikation reicht nicht.

00:20:47: Um vielleicht ein bisschen mehr Kontext zu bekommen, wie viele Stellen im Jahr besetzt du und was sind das für Stellen?

00:20:54: Welche Art Typ Menschen brauchst du?

00:20:56: Ja, das muss man vielleicht einordnen.

00:20:58: Also, ich arbeite ja für den Johanniter Fördererservice, 

00:21:02: Wir sind eine 100 %ige Tochtergesellschaft der Johanniter Unfallhilfe und wir sind vor allem dafür zuständig, Fördermitgliedschaften für das regionale Ehrenamt zu werben.

00:21:16: Und dafür haben wir Vertriebler und Vertriebslerinnen im Außendienst.

00:21:20: Die sind unterwegs, NRW-weit und auch in Sachsen und in Niedersachsen.

00:21:26: Und die sprechen eben, also die gehen mit den Bürgerinnen und Bürgern in den Dialog und klären über das regionale Ehrenamt auf.

00:21:33: Das heißt, die repräsentieren die Johanniter nach außen, also eine der größten Hilfsorganisationen Europas.

00:21:39: Das ist also ein unheimlich wichtiger repräsentativer Job.

00:21:43: Sie müssen ein großes Verantwortungsbewusstsein für die Sache mitbringen.

00:21:47: Und das heißt, sie haben kein Produkt in der Hand, dafür aber eine moralische Idee.

00:21:54: Und sie müssen gut reden können und gerne vor allem.

00:21:57: Also gerne ist fast noch wichtiger als gut, würde ich jetzt sagen.

00:22:00: Vielleicht würden mir die Kollegen im Außendienst widersprechen.

00:22:03: Aber ich glaube ja automatisch, wenn ich etwas gerne mache, dann werde ich auch gut da drin.

00:22:08: Man

00:22:08: merkt richtig, wie dein Herz

00:22:10: höher schlägt, wenn du über deinen Job sprichst. Was reizt dich an deinem täglichen Tun?

00:22:17: Ich arbeite so, so gerne mit Menschen zusammen.

00:22:21: Jetzt aber nicht auf diese, dann geh doch in die Pflegeart, nicht auf die Art, aber ich habe einfach so gerne mit Persönlichkeiten zu tun und mit Charakteren zu tun.

00:22:31: Ich socialize natürlich sehr auf der Arbeit, logischerweise.

00:22:34: Das bringt der Job ja mit sich.

00:22:36: Du

00:22:36: beschäftigst du ja nicht nur mit dem Recruiting, sondern auch aktiv damit, dein Team aufzubauen bzw.

00:22:42: jetzt weiter auszubauen.

00:22:43: Denn den Recruiting-Bereich, den gab's bis zu deinem Einstieg gar nicht so in dem Maße.

00:22:50: Vielleicht kannst du da mal einmal erzählt, was war der Stand, als du eingestiegen bist und wo steht ihr jetzt?

00:22:58: Ja, das ist total interessant, denn das ist auch der Grund, warum ich in das Unternehmen gewechselt bin, weil das einfach eine super spannende Aufgabe ist, die ich da gerade habe.

00:23:10: Das Recruiting gab es dort als, ich sag mal, eine in Teilzeit besetzte Sachbearbeiterstelle, ein Teil der Vertriebsverwaltung oder des Personalbereichs.

00:23:25: Das wurde im Prinzip von einer Person gemacht und unterstützt von externen Dienstleistern, von diversen Agenturen, die so die Stellenschaltung und Auswahl der Kanäle vorgenommen haben, denn die Recruiting-Expertise gab es im Haus so nicht.

00:23:40: Und ich bin im Prinzip dafür eingestiegen, eine Abteilung zu bilden, also aus diesem kleinen Sachbearbeitungsbereich eine Abteilung zu machen.

00:23:50: die mit so viel interne Expertise aufzufüllen, dass wir uns von externen Dienstleistern trennen können und eben wirklich autark sind.

00:23:59: Und da meine ich wirklich from scratch.

00:24:02: Also ich habe nichts vorgefunden.

00:24:06: Es fehlt eigentlich an allem und das ist natürlich extrem spannend.

00:24:09: Denn wann hat man schon mal die Chance?

00:24:12: Normalerweise, also was ich ja habe, meine Position ist ja eine Abteilungsleitung.

00:24:15: Normalerweise kommt man ja in schon bestehende Abteilung rein.

00:24:19: Die Struktur steht schon, das Personal ist schon da, vielleicht soll man zum Optimieren kommen.

00:24:24: Das kann schon mal sein oder vielleicht soll man was ausbauen.

00:24:27: Aber die Grundstruktur, die steht ja eigentlich schon.

00:24:30: Wenn du deinen Weg mal zurückspulst,

00:24:33: was hat dir wirklich geholfen, dorthin zu kommen, wo du heute bist und dich offensichtlich sehr wohl fühlst?

00:24:39: Boah, das ist total schwer.

00:24:41: Was hat mir geholfen?

00:24:43: Das ist, das ist witzig, weil mein erster Impuls ist immer so ein typischer, so eine Imposterantwort.

00:24:48: Ich will mal sagen, dass ich Glück gehabt habe.

00:24:51: Und das ist aber nicht so.

00:24:51: Ich versuche, mir das wirklich aktiv abzugewöhnen, diese Imposterantwort zu geben, weil das ehrlich gesagt Bullshit ist.

00:24:58: Natürlich gehört immer ein bisschen Glück dazu, aber man muss ja auch die Fähigkeit haben, die Chancen zu sehen, wenn sie vor der Nase aufploppen und man braucht auch ein bisschen den Mut oder die Abenteuerlust, dann bestimmte Wege zu gehen.

00:25:13: Dein Lebenslauf zeigt, dass viele Talente nicht linear sichtbar werden.

00:25:16: Welchen Tipp würdest du Recruiter:innen geben, damit sie im Gespräch mehr von diesem Unsichtbaren entdecken?

00:25:23: weniger über die Arbeitgeber und die Tätigkeiten sprechen.

00:25:29: Also natürlich muss das gemacht werden, wenn ich jemanden einstellen will, der bestimmte Dinge kann, dann sollte ich das auch auf jeden Fall abklopfen, den Fehler habe ich in meinem Leben auch schon gemacht, dass ich da zu wenig drauf geachtet habe und zu viel auf die Persönlichkeit geguckt habe und den Menschen abgeholt habe und nicht den Mitarbeitenden so ungefähr.

00:25:49: Weil dann kommen ja auch, dann hat man ja auch nur im schlimmsten Fall den Menschen und hat leider keine fähige Person, dann wird es ja irgendwie auch wieder problematisch als Bereichsverantwortlicher.

00:25:59: Daher, da ist natürlich immer der Spagat wichtig, aber ich finde es auch immer ein bisschen schwierig, sich so an diesem Lebenslauf zu klammern, nur an den Fachkenntnissen zu klammern.

00:26:11: Und die Lücke, die kann man ja vielleicht auch einfach mal als Station wahrnehmen und nicht als Lücke.

00:26:17: Und über eine Lücke als eine Station sprechen.

00:26:20: Denn irgendwas wird die Person dort gelernt haben.

00:26:22: Irgendwas hat sie ja getan, sie hat ja existiert.

00:26:24: Und in dem Moment, wo sie existiert, tut sie ja irgendetwas.

00:26:27: Ist eine Lücke heute wirklich noch eine Lücke?

00:26:30: Also ja, früher, wenn ich... bei mir persönlich zurückdenke:

00:26:35: Oh, bloß keine Lücke im Lebenslauf haben.

00:26:37: Das ist immer negativ.

00:26:38: Das kannst du dir nicht leisten.

00:26:40: Heute gehört das ja eigentlich auch zur Selbstfindung dazu, dass Menschen sagen, nein, ich nehme mir bewusst nach einem sehr anstrengenden Job, beispielsweise eine Auszeit von drei bis sechs Monaten.

00:26:51: Es gibt Sabaticals und so.

00:26:53: Also, ich habe eher das Gefühl, dass es da in den vergangenen Jahren ein Stück weit auch einen Change gab.

00:26:57: Auf jeden Fall sehe ich auch so, das Problem ist aber, dass sich noch nicht in allen Unternehmen eben die Generation komplett ausgeschlichen hat, die das anders sieht.

00:27:07: Das ist ja auch etwas, was ich immer wieder hatte oder womit ich immer wieder konfrontiert war bei diversen Arbeitgebern.

00:27:14: Dass ich natürlich in meiner Rolle so offen und tolerant mit der Lücke umgehen kann, wie ich möchte.

00:27:21: Am Ende muss sich diese Personalie, die ich ausbilde, ja vielleicht an einer anderen Entscheidungsinstanz vorbeibringen.

00:27:27: Und da habe ich es immer wieder erlebt und erlebe es noch, dass ich diese Lücken rechtfertigen muss.

00:27:33: Und das ist vor allem eben ein Thema, also ohne da Age-Shaming betreiben zu wollen, einer etwas älteren Berufsgeneration, die das auch einfach noch anders gelernt hat und die für sich selbst ja auch noch einen anderen Maßstab angelegt hat und das eben auch nach wie vor für Bewerbende tut.

00:27:49: Und das ist aber nicht mehr zeitgemäß.

00:27:51: Es braucht aber noch eine Weile, bis dieser Generationenwechsel wirklich vollkommen vollzogen ist.

00:27:57: Glaubst du, dass jetzt die Generation Z, die nachrückt, vielleicht auch für ein Umdenken bei den älteren Generationen sorgen kann?

00:28:08: Das glaube ich schon.

00:28:09: Und ich glaube auch, dass uns vor allem die Generationen danach, die Alphas zeigen, dass die Z'ler gar nicht so schlimm waren, wie wir dachten.

00:28:17: Denn ich glaube, wir ahnen noch gar nicht.

00:28:19: Wir ahnen noch nicht, was da auf uns zu rollt.

00:28:23: Wenn du das so sagst, hast du dir schon ein Bild im Kopf gemalt.

00:28:27: Was glaubst du denn, wie werden die nächsten Generationen?

00:28:33: Ja, ich glaube, da kommen, ja, ich glaube im Wesentlichen sind das Jugendliche, wie du und ich auch waren.

00:28:39: So, vom Grund, von der Grundstruktur sind wir ja dann schon irgendwie sehr ähnlich alle gebaut.

00:28:45: Weil die Jugend ja auch für bestimmte Dinge da ist, für den Erwerb bestimmter Fähigkeiten da ist.

00:28:49: Das heißt, wir kommen... mit ähnlichen Struggles irgendwie alle.

00:28:52: Aber ich glaube, dass die Generation, und das hat die Gen Z ganz gut vorgelebt, mit einem anderen Selbstbewusstsein heute kommt.

00:28:59: Wenn ich an meine Berufsausbildung denke... Ich bin noch mit dem Satz "Lehrjahre keine Herrenjahre" ins Berufsleben geschickt worden.

00:29:07: Und ich habe mir wirklich drei Jahre Mobbing vom Feinsten reinziehen dürfen in meiner Berufsausbildung.

00:29:12: Wirklich eine Katastrophe.

00:29:14: Ich habe, ich weiß nicht, Literweise Tränen auf der Toilette geheult

00:29:18: dewegen.

00:29:19: Ich hoffe, dass die Generationen, die nach uns gekommen sind, heute ein anderes Selbstwertgefühl, ein anderes Selbstbewusstsein haben und sich das nicht mehr so ​​leicht gefallen lassen, wie wir vielleicht noch, weil wir eben anders sozialisiert wurden.

00:29:33: Wenn die Hörer:innen nur einen einzigen Gedanken aus dieser Folge mitnehmen sollen,

00:29:39: welcher wäre das?

00:29:41: Dass es am Ende des Tages darauf ankommt, mit offenen Augen

00:29:45: auf die Chancen, die sich bieten, zu blinken, vielleicht auch welche dort zu sehen sind, die man nicht für möglich halten würde und dass man vor allem bei sich bleibt. Immer bei sich bleiben und sich lieber eben, also werde ich lieber aufgrund dessen was und wer ich bin abgelehnt als für etwas akzeptiert, was ich nicht bin.

00:30:05: Sehr weise Worte.

00:30:07: Oder?

00:30:08: Ja,

00:30:09: es wären eigentlich schon fast die Glückskeksphilosophie.

00:30:11: Ja, wirklich.

00:30:12: Und es wären auch eigentlich fast schon die perfekten letzten Worte unserer ersten Folge.

00:30:17: Aber ich habe noch eine abschließende Frage und die muss ich unbedingt stellen.

00:30:21: Ich möchte wissen,

00:30:23: was ist dein persönliches Higher and Higher, also dein persönlicher Hebel, um Menschen und/oder Organisationen wachsen zu lassen?

00:30:32: Ganz ehrlich, es ist wirklich die Dinge mit Humor zu sehen.

00:30:37: Das glaube ich wirklich.

00:30:38: Also wie oft es mir schon geholfen, einfach über Sachen auch lachen zu können und über widerige Situationen lachen zu können und auch einen Standesdünkel außen vorzulassen.

00:30:51: Das ist, glaube ich, was meiner Abteilung auch sehr, sehr gut tut.

00:30:54: Bei uns gibt es diese Hierarchie nicht.

00:30:56: Ich mache mir wirklich überhaupt gar nichts aus dieser Abteilungsleiterposition.

00:30:59: Das mir wirklich klopp egal.

00:31:01: Und genauso egal ist es mir, wenn jemand in der Hierarchie über mir steht.

00:31:05: Und das hat mir persönlich in meinen Teams immer sehr viel gebracht, weil die automatisch dafür sorgt, dass offen kommuniziert wird, dass man auch auf einer menschlichen Ebene zusammenwächst.

00:31:16: Und das war immer das beste Treibmittel für erfolgreiches Arbeiten.

00:31:21: Es kommuniziert sich auch einfach besser, wenn man auf Augenhöhe ist, ne?

00:31:24: Absolut.

00:31:25: Total.

00:31:27: Sandra, es war mir ein Fest.

00:31:30: Du darfst durchatmen.

00:31:32: Mir auch.

00:31:33: Die Aufregung darf sich legen.

00:31:34: So ein erstes Mal ist ja immer besonders

00:31:37: aufregend.

00:31:38: Voll.

00:31:38: Ich danke dir für deine Zeit, deine persönliche Geschichte.

00:31:41: Ich danke dir für die Inspiration und auch das Einordnen gewisser Erfahrungen.

00:31:49: Danke, dass du mein erster Gast warst.

00:31:56: Redaktioneller Hinweis.

00:31:58: Uns ist wichtig, dass sich alle angesprochen fühlen, egal welches Geschlecht, welche Identität oder Ausdrucksform.

00:32:04: Im Eifer des Gesprächs passiert es manchmal, dass wir nicht konsequent gendern oder unterschiedliche Formen nutzen.

00:32:10: Unsere Gäste sollen selbst entscheiden, wie sie sprechen möchten und wir geben niemanden etwas vor.

00:32:15: Aber die Grundidee dieses Podcasts ist klar:

00:32:17: Wir meinen immer alle Menschen und niemand soll sich ausgeschlossen fühlen.

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